Am 20. Januar bin ich von Bariloche kommend wieder in Buenos Aires angekommen. Das bedeutete, dass noch fast drei Wochen Ferien vor mir lagen — und die wollte ich ganz bestimmt nicht damit verbringen, mich in Buenos Aires festzuwurzeln. Ich bin einfach nicht der Typ Mensch, der lange an einem Ort bleibt. War ich noch nie. Das Ziel ist die Reise, wie Konfuzius angeblich gesagt hat. Oder irgendein Backpacker auf Instagram. Klingt aber gut.
Deshalb liebe ich das Reisen in Europa so sehr: Man kann praktisch jeden Tag in einem anderen Land aufwachen, ohne sich gross anzustrengen. Oder Indien — da mietet man sich einfach ein Taxi mit Fahrer, und der bringt einen für wenig Geld überall hin. Selbst wenn „überall“ 2000 Kilometer entfernt ist und man danach das Gefühl hat, eine Beziehung mit dem Fahrer geführt zu haben.
Oder künftig Japan (wahrscheinlich im Frühling), wo es eine Art Interrail-Pass gibt, mit dem man zwei oder drei Wochen lang unbegrenzt Zug fahren kann. Ein Land, in dem Züge pünktlich sind. Für Schweizer also fast schon langweilig — aber trotzdem faszinierend.
Ich war also wieder in Buenos Aires und habe bereits am zweiten Tag gemerkt: Ich muss hier wieder weg. Eine Idee war Santiago de Chile mit Mietauto — absurd günstig. Die andere Idee: eine Woche Rio. Sonne, Strand, Samba, leichte Selbstüberschätzung. Ich habe mich für Rio entschieden und bin am 25. Januar nach einem dreistündigen Flug dort gelandet.
Über Booking habe ich mir eine Unterkunft für die ganze Woche gemietet. Etwa 70 Franken. Bewertung über 8. Also quasi Luxus. In der Realität war es eher eine Mischung aus sozialem Experiment und Charakterprüfung. Am nächsten Morgen bin ich geflüchtet. Dieses Mal habe ich mir ein schönes Apartment im 18. Stock eines Hochhauses genommen. Aussicht top, Überraschungsfaktor minimal — genau mein Stil.
Die Leute — vor allem die älteren — kamen mir am Anfang ein bisschen schmuddelig vor. Das war mein erster Eindruck (obwohl ich ja 2007 schon mal in Rio war). Aber ich kenne das Muster: Genau so hat Indien damals auch angefangen. Erst Skepsis, dann Verliebtheit, dann plötzlich Streetfood um 2 Uhr morgens.
In Rio war es dasselbe. Am zweiten Tag habe ich gemerkt, wie extrem herzlich die Leute sind. Wirklich auffällig. Man sollte sich allerdings unten in der Stadt aufhalten und die Favelas meiden, vor allem nachts. Abenteuerlust ist schön und gut, aber sie muss ja nicht lebensmüde werden. Unten in der Stadt ist alles völlig okay. Ich hatte nicht das kleinste Problem — ausser der Hitze, die sich anfühlte, als hätte jemand einen Föhn auf Dauerbetrieb gestellt.
Ich habe das Paar kennengelernt, dem ein paar Apartments im Haus gehören. Offenbar fanden sie mich ganz sympathisch und haben das im ganzen Gebäude verbreitet. Danach klopften immer wieder fremde Nachbarn an meine Tür und fragten, ob alles okay sei oder ob ich etwas bräuchte. In Europa ruft man dafür die Polizei, in Rio bringt man dir Wasser. Sehr sympathisch.
Leider ist auch in Rio der Massentourismus angekommen. Ich bringe es einfach nicht über mich, drei Stunden in brütender Hitze anzustehen, nur um irgendwo ein Foto zu machen, das danach aussieht wie 4000 andere. Die Jesus-Statue war genau so ein Fall. Ich war dort, habe die Menschenmassen gesehen und beschlossen: Jesus versteht das. Ich bin wieder umgedreht. Zum Glück hatte ich das Ganze schon 2007 gesehen — mein Gewissen blieb also stabil.
Taxi fahren ist in Rio absurd günstig. Für zwei bis drei Franken fährt man gefühlt durch eine halbe Netflix-Dokumentation. Ich benutze immer Uber und bin grosser Fan. Natürlich habe ich auch wieder eine Hop-on-Hop-off-Bustour gemacht, um wenigstens etwas Kultur mitzunehmen. Zu Fuss unterwegs sein war kaum möglich — ausser man wollte herausfinden, wie sich ein Brathähnchen fühlt.
Am 31. Februar bin ich dann wieder zurück nach Buenos Aires geflogen. Ein Datum, das ungefähr so real ist wie meine Absicht, irgendwann einmal langsam zu reisen.