Am 15. Januar ging es dann endlich los. Diesmal ab dem National Airport, der – im Gegensatz zum internationalen Flughafen – ziemlich zentral liegt, direkt an der Bucht zwischen Argentinien und Uruguay. Klingt idyllisch, wäre da nicht das altbekannte Déjà-vu: Der Flug hatte natürlich wieder fast drei Stunden Verspätung. Wie könnte es auch anders sein.
Zusätzlich musste ich mein Gepäck umorganisieren, da in der Kabine nur etwas in der Größe meines kleinen Koffers erlaubt war. Also wanderte die gesamte Elektronik in den Koffer, der ganze Rest in den Rucksack, den ich aufgeben musste. Trotz dieser logistischen Meisterleistung wurden mir dann noch 30 Dollar verrechnet, weil der Koffer rund zehn Zentimeter zu groß war. Zehn Zentimeter – offenbar eine kritische Maßeinheit in der Luftfahrt.
Im Flugzeug angekommen, erwartete mich dann die arktische Zone. Warum Airlines die Klimaanlage immer auf „Tiefkühltruhe“ einstellen, bleibt mir ein Rätsel. Sämtliche warmen Kleider hatte ich ja aufgegeben. Im Koffer befanden sich lediglich ein paar Hosen, eigentlich gedacht als Polsterung für den Laptop. Diese Zweckentfremdung wurde nun zur Überlebensstrategie: Arme in die Hosenbeine gesteckt, improvisierte Thermoisolation. Die Blicke der Mitreisenden waren leicht irritiert, aber was soll’s – Not macht erfinderisch. Zum Glück wurde die Aircondition nach dem Start etwas humaner eingestellt.
Der Flug dauerte gut zwei Stunden. In Bariloche angekommen, fiel die Temperatur von 34 Grad in Buenos Aires auf rund 14 Grad. Ein klimatischer Kulturschock. Ich steuerte sofort die Rent-a-Car-Schalter an, denn für die fünf geplanten Tage ist ein Auto hier essentiell. Leider waren sämtliche Fahrzeuge bereits vergeben. Bis auf eines: ein SUV für satte 150 Franken pro Tag. Ein saftiger Betrag, aber ohne Auto ist Bariloche praktisch nicht machbar. Also zähneknirschend zugeschlagen.
Bis hierhin hatte alles funktioniert. Doch natürlich musste noch etwas kommen – wie so oft etwas, das mir auf die eine oder andere Art fast einen Herzinfarkt beschert. Noch am Schalter bemerkte ich plötzlich, dass mein Handy weg war. Nein. Nicht schon wieder. Irgendwie passiert mir dieser Mist immer.
Ich ging zurück in die Halle, wo ich das Handy zuletzt benutzt hatte. Nichts. Zwar kann ich grundsätzlich ohne Handy leben, aber darauf war so viel gespeichert, dass ich es unmöglich kurzfristig hätte rekonstruieren können. Ich sprach eine Polizistin an, die am Rand stand und mit kritischem Blick die Touristen beobachtete, und fragte sie, ob sie etwas gesehen hätte. Leider nein.
Also machte ich mich wieder auf den Weg aus dem Flughafen und begann mich langsam mit der Tatsache abzufinden, dass ich nun wirklich ein Problem hatte. Ich hatte keine Ahnung, wo mein Hotel war – sämtliche Informationen befanden sich auf dem Handy.
Und dann hörte ich plötzlich jemanden rufen:
„Mister, I found your mobile.“
Die Polizistin stand vor mir, freudestrahlend, mein Handy in der Hand. Ich habe sie spontan umarmt. Wieder einmal unfassbares Glück. Wer auch immer dafür zuständig ist: Danke.
Anschließend fuhr ich zum Hotel in der Stadt. Ich war ja schon 2007 einmal hier, und die Veränderung ist enorm. Die Natur ist nach wie vor spektakulär, aber die Stadt selbst ist regelrecht explodiert. Am mühsamsten ist jedoch der Verkehr – Hochsaison lässt grüßen. Ich kurvte gut 30 Minuten durch die Stadt, bis ich endlich einen Parkplatz fand. Überall dort, wo weiße Randsteine sind, darf man parken – theoretisch. Praktisch war alles besetzt.
Irgendwann habe ich dann das System verstanden: Man sucht sich selbst eine freie Lücke, parkiert, und sofort taucht ein Parkwächter auf. Von 20:00 Uhr abends bis 08:00 Uhr morgens ist das Parkieren gratis, ebenso samstags ab 14:00 Uhr und den ganzen Sonntag. Ansonsten kostet es 2000 Pesos pro Stunde, was etwa 1.10 Franken entspricht – also immerhin moderat.
Am ersten Tag bin ich etwa halb um den See gefahren, insgesamt rund 240 Kilometer. Das Hotel hier ist sehr gut. Allerdings hatte ich anfangs Probleme mit dem WLAN: Sobald ich im Zimmer war und die Tür schloss, war die Verbindung weg. Quasi digitale Isolation. Ich bekam dann ein anderes Zimmer, in dem das Zeug – hochprofessionell formuliert – tatsächlich funktionierte.
Was etwas mühsam ist, ist der permanente, starke Wind. In meinem Blog von 2007 habe ich nachgelesen, dass das offenbar schon damals so war. Bis jetzt war jedenfalls nichts mit Drohne fliegen. Der Wind ist einfach zu stark, und eine verlorene Drohne reicht mir fürs Leben vollkommen.
Der Wind sorgt zudem dafür, dass es speziell an Seitenstraßen, die in Hauptstraßen münden, zu regelrechten Sandstürmen kommt. Wenn man da durchfährt, sieht man für einen kurzen Moment absolut gar nichts mehr. Blackout auf Patagonisch.
Und noch eine kleine Anekdote zum Schluss: Am ersten Tag bin ich eine Strecke gefahren, die Richtung Chile führt. Eigentlich wollte ich nur in Grenznähe fahren, habe aber das kleine Zollhäuschen übersehen. Ergebnis: Ich war plötzlich in Chile und habe es erst etwa zehn Minuten später realisiert. Kein Zöllner, keine Kontrolle, nichts.
Ich war ja schon einmal drei Tage in Japan. Jetzt war ich halt zehn Minuten in Chile. Man nimmt, was man kriegt.