Wie gesagt ging es am 14. Juni morgens gegen 07:00 Uhr los. Wieder einmal hatte ich Glück mit dem Mietwagen. Es war ein Dacia, eine Marke, die mir bis dahin völlig unbekannt war. Aber wie praktisch alle modernen Autos war auch dieses Fahrzeug bis unter das Dach mit Elektronik vollgestopft. Die ersten Minuten verbringt man deshalb nicht mit Fahren, sondern mit Grübeln. Es gibt derart viele Menüs, Untermenüs und Einstellungsmöglichkeiten, dass man das Auto vermutlich einige Tage lang fahren müsste, um auch nur einen kleinen Teil davon zu verstehen – geschweige denn wiederzufinden.
Was mich allerdings etwas genervt hat, war die permanente Bevormundung. Das Auto war offenbar der festen Überzeugung, besser fahren zu können als ich. Befand man sich noch völlig korrekt innerhalb der Spur, aber vielleicht zehn Zentimeter weiter links als vorgesehen, griff das Lenkrad bereits korrigierend ein. Dasselbe Spiel auf der rechten Seite. Jede dieser Massnahmen wurde selbstverständlich von einem freundlichen Piepston begleitet. Nach einigen solcher Hinweise erschien dann sogar die fürsorgliche Empfehlung, doch bitte eine Pause einzulegen. Offenbar galt man bereits als fahruntauglich, wenn man es wagte, die Mitte der Fahrspur nicht millimetergenau einzuhalten.
Ob sich dieses Dauergepiepse abschalten liess, konnte ich nicht herausfinden. Wahrscheinlich hätte ich dafür irgendwo im Untermenü 17.3.4.2 den Haken bei «Nervt den Fahrer nicht permanent» entfernen müssen.
Hinzu kam das nächste akustische Meisterwerk: Überschritt man die erlaubte Geschwindigkeit um mehr als vier Kilometer pro Stunde, meldete sich das Auto erneut. Hinter dem Lenkrad war dauerhaft die aktuell erlaubte Höchstgeschwindigkeit eingeblendet. Benutzte man zusätzlich ein Navigationsgerät, zeigte dieses ebenfalls die zulässige Geschwindigkeit an und warnte ebenfalls bei Überschreitungen. Das Problem war nur, dass sich Auto und Navigationsgerät nicht immer einig waren. So entstand gelegentlich der Eindruck, zwei sehr selbstbewusste Beifahrer würden gleichzeitig diskutieren, wer denn nun recht habe.
Die Strassen in Rumänien – zumindest die Hauptstrassen und Autobahnen – stehen denen in der Schweiz in nichts nach. Viele Abschnitte sehen aus, als wären sie erst gestern fertiggestellt worden. Auf den Autobahnen gilt meist Tempo 130. Die meisten Einheimischen scheinen dies allerdings eher als unverbindliche Empfehlung zu betrachten und fahren mindestens 20 km/h schneller. Da wollte ich natürlich nicht unangenehm auffallen und habe mich der lokalen Kultur angepasst.
Mein Ziel am ersten Tag war Brașov, eine Stadt rund 120 Kilometer nördlich von Bukarest. Auf dem Weg dorthin kam ich durch Sinaia, einen Ort, den man durchaus mit Grindelwald oder St. Moritz vergleichen kann. Wunderschöne Villen, gepflegte Strassen und Häuser, die eher an kleine Schlösser als an gewöhnliche Wohnhäuser erinnern. Dort befindet sich auch das Schloss Peleș, das definitiv einen Besuch wert ist (siehe Fotos).
Anschliessend ging es weiter zur Burg Bran, die heute vor allem als Heimat von Dracula vermarktet wird. Historisch ist die Verbindung zwar etwas komplizierter, aber das interessiert die Touristenindustrie herzlich wenig. Hier soll jedenfalls Vlad III., besser bekannt als „Vlad der Pfähler“, gelebt haben. Die Burg selbst ist durchaus sehenswert. Alles, was sich ausserhalb der Burgmauern befindet, wirkt dagegen wie ein touristischer Albtraum auf Steroiden. Souvenirstände, Dracula-Tassen, Dracula-T-Shirts, Dracula-Magnete und vermutlich auch Dracula-Toilettenpapier – es fehlte eigentlich nur noch Dracula-Dosenfutter für Hunde.
Gegen 14:00 Uhr erreichte ich schliesslich Brașov. Dort hatte ich eine hervorragende Wohnung auf einem Hügel oberhalb der Stadt gemietet. Brașov ist vor allem für seine grosse und wunderschöne Altstadt bekannt, die zu den schönsten in ganz Rumänien zählt (siehe Bilder).
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen